Folgen von Stress

Besorgter Mann sitzt auf der Couch

Stressmediziner erklärt, wie Körper und Seele zusammenhängen.

„Dr. Weniger, glauben Sie mir, der Burn-out kam ganz plötzlich. Montagmorgen wollte ich mich ins Auto setzten, hatte den Schlüssel in der Hand und habe dann einen totalen Nervenzusammenbruch bekommen. Dabei habe ich nur noch gezittert und total die Orientierung verloren. Wie ich zurück ins Haus gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Aber dann hat mich meine Frau wohl ins Krankenhaus gebracht. Dort bin ich aufgewacht und war nur noch total fertig und habe geweint.“ Stressmediziner Dr. Matthias Weniger teilt seine Erfahrungen mit dir und beantwortet diese Fragen:

Experten-Tipp:

Dr. med. Matthias Weniger
Dr. med. Matthias Weniger, Vorstand Institut für Stressmedizin rhein ruhr (ISM), Ärztlicher Leiter Psychokardiologie

Experten-Tipp:

Gerade in besonders stressigen Phasen ist es wichtig, inne zu halten, achtsam zu sein und sich um sich selbst zu kümmern.

Warum kommt Stress nie plötzlich?

Vor mir sitzt ein etwa vierzigjähriger Mann, äußerlich fit und durchtrainiert. Während er die Geschichte erzählt, bekommt er Tränen in den Augen. Er hat enorme Probleme, sich an diese Zeit zu erinnern, weil es ihn immer noch extrem belastet. Ich frage weiter und er erzählt mir, dass sämtliche Ärztinnen und Ärzte nichts Körperliches haben finden können. Er sei „komplett auf den Kopf gestellt worden“. Danach wurde ihm gesagt, er hätte das Burn-out-Syndrom. Ich frage ein wenig weiter, um mir einen Eindruck seiner Situation zu machen. Insbesondere als wir auf die Tage vorher zu sprechen kommen, werde ich sehr neugierig.

„Am Freitag davor saß ich noch mit meinen Geschäftsführern in einer wichtigen Sitzung. Das dauerte bis circa 21 Uhr. Danach habe ich noch schnell meine Mails beantwortet und bin nach Hause. Am Wochenende musste ich dann mit meiner Frau die Steuererklärung machen, weil wir die Frist schon überschritten hatten. Da waren wir Samstag und Sonntag gut mit beschäftigt. Aber glauben Sie mir, der Burn-out am Montagmorgen kam wie angeflogen.

Solche Erlebnisse und Geschichten höre ich von meinen Patienten nicht selten. Sie glauben, dass ihre körperlichen Reaktionen „auf einmal“ kamen. Und, dass es keine Warnsignale gab. Auch für meinen Patienten aus dem beschriebenen Fall erschien es so, als sei es vollkommen normal, so lange zu arbeiten. Ich bin mir sicher, dass auch seine letzte Arbeitswoche und der gesamte letzte Monat ähnlich arbeitsaufwändig waren wie das beschriebene Wochenende.

Fragt man Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen, wie sich der Gemütszustand des Patienten entwickelt hat, dann wird schnell klar: Es gab eindeutige Zeichen für andauernden Stress. Nicht selten sprechen Menschen aus dem Umfeld den Betroffenen auch direkt an. Häufig wird negativer Stress aber abgetan, geleugnet – denn man möchte ihn nicht wirklich wahrhaben. Dies ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie die Seele auf den Körper wirkt. Das medizinische Fachgebiet nennt sich Psychosomatik. Lange wurde sie belächelt. Mittlerweile haben aber viele Studien den Zusammenhang zwischen den Folgen von Stress und körperlichen Erkrankungen eindeutig nachgewiesen. 

Warum nehmen viele Menschen die enorme Belastung durch chronischen Stress nicht wahr?

Der Grund liegt in den Prozessen, die in unserem Körper ablaufen, wenn wir Stress haben. Vor einiger Zeit war ich morgens um sieben Uhr im benachbarten Wald joggen. Auf einmal bricht aus dem Unterholz ein großer Hund aus und steht vor mir. Er fletscht die Zähne, knurrt und mir ist eins klar: Der will nicht nur spielen. Obwohl ich vorher gut zehn Kilometer gelaufen und jetzt eigentlich ausgepowert bin, nehme ich jetzt nur noch den Hund wahr. Vor ein paar Sekunden habe ich mich noch aufs Frühstück und die Pause gefreut. Jetzt bin ich absolut im Tunnelblick und blende alle meine Bedürfnisse aus. Der Körper ist in Alarmbereitschaft. Mein eigentliches Ziel: Überleben. Da ist kein Raum mehr für das gute Buch, das auf meinem Nachttisch liegt oder den tollen Tag den ich mit meiner Familie geplant habe.

Das, was im akuten Stress maximalen Sinn macht, sehen wir auch in chronischen Belastungsphasen. Wir versuchen, zu überleben. Die Wahrnehmung für unsere Bedürfnisse, unser Körpergefühl –  all das nimmt ab. Wir merken nicht mehr, wie sehr unsere Gesundheit und unsere Psyche dadurch beeinflusst werden.

Wie kann ich erkennen, dass ich gestresst bin?

Aus der eigenen Erfahrung, aber auch aus der Arbeit mit meinen Klienten und Patienten, weiß ich, wie wichtig es ist, die eigenen Warnsignale der Stressbelastung zu erkennen. Also zu wissen, wann man selbst mehr in den Stress kommt. Und vor allem, woran man den eigenen Stress erkennt.

Wenn ich beispielsweise chronisch gestresst bin, dann bekomme ich häufig Rückenschmerzen. Diese sind allerdings ein spätes Signal. Die Auswirkungen auf meine körperliche Gesundheit spüre ich also erst bewusst, wenn der Stress schon recht lange da und ziemlich intensiv ist. Es braucht dann viel Energie, um wieder aus der Stressfalle rauszukommen. Daher habe ich mich irgendwann mal gefragt, was denn mein Frühwarnsignal ist. Wann geht es mir eigentlich noch gut, fängt aber langsam an zu kippen?

Bei mir kippt es dann, wenn ich aufhöre, mich gut um mich selbst zu kümmern. Und das merke ich vor allem daran, dass ich anfange meine täglichen Achtsamkeits-Meditations-Sitzungen zu schwänzen. Wenn ich mir erzähle, dass ich gar nicht auf mein Kissen müsse, weil ja noch sooo viel zu tun ist. Und weil es mir doch auch so ganz gut geht und ich es einfach nicht bräuchte. Dann merke ich, dass ich besonders achtsam sein und besser auf mich aufpassen muss.

Folgen von wie Stress – wie äußern sie sich?

Es ist hilfreich, Stresssignale in drei große Kategorien einzuteilen und sich diese genauer anzuschauen. Das hilft uns, unsere Stressreaktion zu verstehen. So können wir seine Auswirkungen besser einschätzen und ihnen vorbeugen. Stressmediziner unterscheiden zwischen:

  1. körperlichen Symptomen
  2. Verhaltensweisen
  3. Gedankenmuster, die sich uns aufzwängen

Gerade die körperlichen Folgen von Stress können einen Menschen sehr belasten. Dabei sind die Symptome, die auf Stress hinweisen, sehr vielseitig. Typische Stresssymptome sind:

  • Kopf- und Nackenschmerzen
  • Ohrgeräusche (Tinnitus)
  • Zähneknirschen
  • Haarausfall
  • Sodbrennen
  • Magen-Darm-Beschwerden (Magenschmerzen, Reizmagen, häufiger Stuhlgang, Durchfall und vermehrte Darmgeräusche, aber auch Verdauungsprobleme)
  • Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (erhöhter Blutdruck, Herzrasen und „Herzstolpern“ – häufig wenn man zur Ruhe kommt)
  • Rückenschmerzen
  • geschwächtes Immunsystem und erhöhte Infektanfälligkeit
  • innere Unruhe und „nervöse Tics“

Diese Liste ist nicht vollständig und kann individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Hinzu kommt: Neben körperlichen Symptomen zeigen sich bei Stress auch bestimmte Verhaltensmuster, zum Beispiel:

  • vermehrter Konsum von Alkohol und Zigaretten
  • Reizbarkeit (bei Kleinigkeiten schon „an die Decke gehen“)
  • Antriebsverlust und Erschöpfung
  • zunehmend ungepflegtes Auftreten

Auf der mentalen Ebene sind die häufigsten Folgen:

  • starkes „Schwarz-Weiß-Denken („Immer muss ich…“, „Nie kann man mal…“)
  • Konzentrationsstörungen
  • Tunnelblick
  • übertriebenes „Schwarzmalen“ der Situation
Ein Mann meditiert zuhause, um die Folgen von Stress zu minimieren

Wie schütze ich mich vor anhaltendem Stress?

Ein wichtiger Schritt zur Stressbewältigung ist die Selbstreflektion. Stell dir in möglichen Stresssituationen die folgenden Fragen: Was sind meine persönlichen Warnsignale? Wann und woran erkenne ich, dass ich gestresst bin? Was erhalte ich von meiner Umwelt für Rückmeldungen und kann ich diese Rückmeldungen ernst nehmen?

Wichtig: Alle Symptome, gerade auf der körperlichen Ebene, können auch andere (organische) Ursachen haben . Dies macht es in der Stressmedizin so schwer. Denn der Kopfschmerz kann auch neurologische Ursachen haben, er muss keine Folge von Stress sein. Es ist ein Kunstfehler, als Arzt – ohne weitere Untersuchung oder Anamnese – dem Patienten zu sagen: „Das kommt auf jeden Fall nur vom Stress“.

Die Selbstreflektion und sich konstruktiv infrage zu stellen, sind wichtige Schritte, um psychischen Folgen von Stress vorzubeugen und aus einer möglichen Stressfalle wieder herauszukommen. Wenn du aber häufiger unter den genannten Symptomen leidest, lass diese unbedingt von einem Arzt abklären


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