Cyberchondrie – wenn Symptome Recherchieren zum Problem wird

Eine Frau leidet an Cyberchondrie und recherchiert am Laptop

Selbstdiagnose mit Dr. Google, ChatGPT und Co.

Ob unerklärliche Kopfschmerzen oder ein ungewöhnlicher Schluckauf. Sicher hast auch du einmal eine Suchmaschine wie Google genutzt, um Gesundheitsinformationen zu recherchieren. Mit ChatGPT und Co. wird dir diese Recherche besonders einfach gemacht. Zum Problem wird es, wenn das Recherchieren nach Symptomen im Internet sich zu einem Zwang entwickelt. Denn häufig werden harmlosen Symptomen schwere Erkrankungen zugesprochen. Und das Gedankenkarussell beginnt. Dann sprechen Experten von Cyberchondrie. Was das ist und wie du einen gesunden Umgang mit Gesundheitsinformationen im Internet entwickelst, liest du im Magazin!

Was bedeutet Cyberchondrie?

Cyberchondrie bezeichnet eine Form der Krankheitsangst, bei der gesundheitliche Sorgen durch wiederholte und intensive Internetrecherchen verstärkt werden. Der Begriff setzt sich aus „Cyber“ für die Nutzung digitaler Medien und „Chondria“ für Krankheitsangst zusammen. Häufig wird Cyberchondrie auch als „Morbus Google“ bezeichnet. Sie steht in enger Beziehung zur Hypochondrie. Gilt jedoch nicht als eigenständige medizinische Diagnose, sondern als ein Verhaltens- und Belastungsmuster, bei dem bestehende Ängste durch Online-Informationen aufrechterhalten oder ausgebaut werden.

Tipp unseres Experten:
Portrait Majdy Abu Bakr
Majdy Abu Bakr, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Spremberg

Tipp unseres Experten:

Betroffene interpretieren harmlose oder unspezifische Körperempfindungen – etwa Muskelzucken, Kribbeln, Kopfschmerzen oder Müdigkeit – als mögliche Anzeichen schwerer oder unheilbarer Erkrankungen. Die Internetrecherche dient zunächst der Beruhigung, führt jedoch häufig zum Gegenteil: Trotz entlastender Informationen wird weitergesucht, um die Angst zu kontrollieren oder Gewissheit zu erlangen. Dadurch entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus Sorge, Recherche und erneuter Verunsicherung.

Mit der Zeit kann dieses Verhalten nicht nur emotional belastend sein, sondern auch konkrete Folgen haben. Dazu zählen übermäßige Arztbesuche, ein steigender Leidensdruck im Alltag oder ein ungünstiges Gesundheitsverhalten. Etwa die Einnahme ungeeigneter Medikamente auf Basis unseriöser Online-Empfehlungen. In ausgeprägten Fällen vernachlässigen Betroffene soziale Kontakte, Hobbys oder berufliche Verpflichtungen und verlieren zunehmend das Vertrauen in die normalen Signale ihres Körpers.

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Cyberchondrie tritt besonders häufig bei Menschen auf, die bereits eine erhöhte Sensibilität für Gesundheitsthemen oder eine Neigung zu Krankheitsängsten haben. Während die Suche nach Gesundheitsinformationen für die Mehrheit der Internetnutzer unproblematisch und sogar hilfreich ist, kann sie bei dieser Personengruppe bestehende Ängste deutlich verstärken. Die Online-Recherche wird dann zum zwanghaften Verhalten und verliert ihren informativen Charakter.

Wie entsteht eine Cyberchondrie und was sind die Symptome?

Ähnlich wie bei der Hypochondrie – also einer Gesundheitsangst – können die Ursachen der Cyberchondrie vielfältig sein. Negative Erfahrungen in der Kindheit zum Beispiel. Oder wenn du oder nahe Angehörige eine schwere Krankheit hinter sich haben. Wenn das grundlegende Vertrauen in die eigene Gesundheit getrübt ist. Auch genetische Veranlagung kann eine Rolle spielen.

Besonders häufig betroffen sind Personen, die bereits hypochondrische Veranlagungen aufweisen oder schon an Hypochondrie leiden. Google und Co. gelten hier dann nicht als Auslöser der Erkrankung, sondern als ergänzender Faktor und Beschleuniger der Krankheitsangst.

Eine Krankheitsangst und speziell Cyberchondrie können sich dabei durch eine Reihe von Symptomen äußern: 

  • Normale Körperfunktionen werden überbewertet und als Symptom einer Krankheit interpretiert. Zum Beispiel Darmgeräusche oder das Steigen des Blutdrucks bei einer stressigen Situation. Dies kann zu Panikattacken und Angstreaktionen führen.
  • Die eigenen Gedanken kreisen übermäßig oft um Krankheiten und die eigene Gesundheit.
  • Speziell bei der Cyberchondrie suchen Betroffene viel und übermäßig nach gesundheitsbezogenen Themen im Internet. Teils mehrere Stunden am Tag. Die Recherche löst Stress aus.
  • Als Resultat können depressive Stimmungen und Probleme im sozialen Umfeld entstehen.
  • Betroffene wechseln häufig das ärztliche Fachpersonal, um die recherchierten Informationen zu bestätigen oder weil sie den Aussagen der Ärzte nicht trauen. Aus Angst, dass sich die eigenen Befürchtungen bewahrheiten, vermeiden andere Betroffene auch Arztbesuche komplett.
Eine Frau mit Cyberchondrie am Laptop

Ab wann wird das Recherchieren im Internet problematisch?

Das Internet ist aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Es ist daher nicht schlimm, wenn du gelegentlich die Suchmaschine befragst, wenn dir ein Symptom komisch vorkommt. Damit wirst du nicht automatisch zum Cyberchonder. Wenn du aber merkst, dass dich das Online-Recherchieren nicht loslässt und vor allem, wenn es deine Stimmung und deinen Alltag beeinträchtigt, dann solltest du dir Hilfe suchen.

Wichtig ist auch, dass du die Informationen, die du liest, kritisch hinterfragst und einordnest. Dann kann das Googeln von Symptomen sogar deine Gesundheitskompetenz zu einem gewissen Grad verbessern. Denn wer sich selbst informiert und vorbereitet, kann sich mit seinem behandelnden Arzt auf Augenhöhe austauschen und die passenden Fragen stellen.
Cyberchondrie hingegen ist ein zwanghaftes Verhalten. Die Lebensqualität wird eingeschränkt. Betroffene finden sich in einem Teufelskreis wieder. Denn durch das immer wiederholte Googeln von Symptomen entstehen negative Gedanken. Durch diese kann der Nocebo-Effekt entstehen. Dabei üben sich die negativen Gedanken auch tatsächlich negativ auf die Gesundheit aus. Quasi der Gegenspieler zum Placebo-Effekt.

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Diagnose und Behandlung der Cyberchondrie.

Cyberchondrie lässt sich nur schwer diagnostizieren. Betroffene sprechen über ihre körperlichen Beschwerden, aber nicht über ihre Ängste. Eine korrekte Diagnose kann daher mehrere Jahre dauern.

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Neben einer professionellen Therapie kann es auch helfen, deine Körperwahrnehmung zu verbessern. Durch Yoga oder Achtsamkeitsübungen zum Beispiel. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie verfolgen Psychologen das gleiche Ziel: Du musst lernen, deine Körpersignale richtig zu deuten, ohne immer wieder im Netz zu recherchieren. Emotionen werden besser reguliert und Ängste kontrolliert. Außerdem ist ein gesundes Verhältnis zum Internet ein wichtiges Therapieziel.

Eine Frau spricht im Rahmen einer Therapie über ihre Cyberchondrie

Wie kann ich einer Cyberchondrie vorbeugen?

Das Internet liefert schnelle Antworten auf Gesundheitsfragen – kann aber auch verunsichern. Wer Symptome googelt, stößt oft auf widersprüchliche oder alarmierende Informationen. Ein bewusster Umgang mit Online-Gesundheitsinformationen hilft, Ängste zu vermeiden und einer Cyberchondrie vorzubeugen.

Extra-Tipp:

1. Gezielt statt endlos recherchieren
Setz dir klare Grenzen: eine konkrete Frage, eine begrenzte Suchzeit und wenige, ausgewählte Quellen. Dauerhaftes Nachlesen verstärkt häufig Unsicherheit statt Klarheit.

2. Auf verlässliche Quellen achten
Nutz geprüfte und unabhängige Informationsangebote, zum Beispiel vom Bundesministerium für Gesundheit oder dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Foren, Blogs oder Erfahrungsberichte ersetzen keine medizinische Einordnung.

3. Suchergebnisse kritisch einordnen
Symptome sind individuell und oft unspezifisch. Online-Informationen können keine persönliche Diagnose liefern. Häufig genannte schwere Erkrankungen sind in der Regel seltene Ausnahmen.

4. Eigene Motivation hinterfragen
Frag dich vor der Recherche:
Was erhoffe ich mir von der Suche – Beruhigung oder eine Bestätigung meiner Angst?
Diese Selbstreflexion hilft, nicht unbewusst in einen Angst-Recherche-Kreislauf zu geraten.

5. Den Verstärkungszyklus erkennen
Mehr Suchen führt nicht automatisch zu mehr Sicherheit. Angst fördert weitere Recherchen – und diese verstärken wiederum die Angst. Ein bewusstes Stoppen der Suche kann hier entlastend wirken.

6. Ärztliche Gespräche bevorzugen
Bei anhaltenden oder belastenden Beschwerden ist das persönliche Gespräch mit Ärztinnen oder Ärzten der sinnvollere Weg. Sie können Symptome einordnen, beruhigen oder gezielt weiter untersuchen. Auch ein Besuch des Fachpersonals in der Apotheke kann bei ersten Bedenken Abhilfe schaffen.

Hast du Fragen zu Erkrankungen und damit verbundenen Diagnostik- und Therapieverfahren? Oder brauchst Informationen zu Ärzten, Ärztinnen und Krankenhäusern? Wir beantworten deine Gesundheitsfragen gerne direkt am Gesundheitstelefon unter 0800 1650 050.

Eine Frau und ein Mann am Laptop - sie praktizieren ein gesundes Internetverhalten bei Cyberchondrie

Wie entwickelst du einen gesunden Umgang mit Gesundheitsinformationen online?

Gesundheitsinformationen im Internet können hilfreich sein – sie können dich aber auch verunsichern. Viele Webseiten nutzen das große Interesse an Gesundheitsthemen gezielt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Für dich als Nutzer ist dabei oft schwer zu erkennen, ob Inhalte medizinisch fundiert sind oder vor allem auf Klicks abzielen. Besonders problematisch ist, dass Suchmaschinen schwere Erkrankungen häufig sehr präsent darstellen. So geraten harmlose Symptome schnell in einen bedrohlichen Zusammenhang.

Experten-Wissen:

Ein gesunder Umgang mit Online-Gesundheitsinformationen beginnt mit Medien- und Informationskompetenz. Das bedeutet, dass du Informationen bewusst suchst, kritisch bewertest und richtig einordnest. Suchergebnisse liefern meist viele mögliche Ursachen – von harmlos bis selten und schwerwiegend. Diese Informationen lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf dich persönlich übertragen und führen bei Unsicherheit häufig zu weiterer Recherche.

Wichtig ist auch, dass du deine eigene Motivation hinterfragst. Warum suchst du im Internet nach Symptomen? Gehst du mit dem Ziel der Beruhigung in die Recherche, kann genau das Gegenteil eintreten. Bleibt nach dem Lesen eine Unsicherheit zurück, entsteht oft der Drang, weiterzusuchen. Dieser Kreislauf kann dazu führen, dass du dich immer stärker mit deiner Gesundheit beschäftigst und andere Lebensbereiche vernachlässigst.

Achte deshalb bewusst auf die Qualität der Informationen. Seriöse Gesundheitsseiten sind transparent, nennen ihre Quellen, arbeiten mit neutraler Sprache und werden regelmäßig aktualisiert. Auffällige Überschriften, eine prominente Platzierung in Suchmaschinen oder Erfahrungsberichte in Foren sind dagegen keine verlässlichen Qualitätsmerkmale.

Ein gesunder Umgang liegt dann vor, wenn deine Informationssuche zeitlich begrenzt bleibt, keine anhaltenden Ängste auslöst und ärztliche Gespräche nicht ersetzt, sondern ergänzt. So kannst du das Internet nutzen, ohne dich in Sorgen zu verlieren.

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