Bluthochdruck durch Stress und Arbeitsbelastung

Ein Manager sitzt auf dem Boden; er leidet an Bluthochdruck durch Stress

Die Folgen einer dauerhaft hohen Beanspruchung.

Logo ISM - Institut für Stressmedizin Rhein Ruhr

„Ich tue alles in meiner Macht Stehende, verändere kurzfristig Dienstpläne, ermögliche Sonderurlaube und vernachlässige dadurch sogar meine Familie. Trotzdem sind alle undankbar. Und was hab ich davon? Den totalen Stress und inzwischen sogar Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen.“ Aussagen wie diese hört Dr. Matthias Weniger, ärztlicher Leiter des Institut für Stressmedizin Rhein Ruhr (ISM), häufig. In unserem Beitrag erklärt er dir, was dauerhafter Stress mit dem Körper macht und warum er sogar zum Herzinfarkt führen kann.

Steigert Stress das Risiko für hohen Blutdruck?

Vor mir sitzt ein junger Mediziner, seit kurzem leitender Oberarzt und stellvertretender Chef der Chirurgie in einem Universitäts-Krankenhaus. Nach einem Elektrokardiogramm (EKG), einer Langzeitblutdruckmessung und einem Herz-Ultraschall hat er seine Diagnose erhalten – chronisch erhöhter Blutdruck. Fachleute bezeichnen Bluthochdruck übrigens als Hypertonie.

Häufig besteht die Therapie bei erhöhtem Blutdruck aus der Einnahme von Medikamenten wie ACE-Hemmern oder Beta-Blockern. Daneben empfehlen Ärzte eine gesunde Ernährung, den Verzicht auf Alkohol und Rauchen sowie mehr körperliche Aktivität.

In meinem Fall hat der behandelnde Kardiologe Stress als mögliche Ursache der Symptome vermutet und ihn an mich überwiesen. Das zeigt mir: Er versteht etwas von seinem Handwerk und ist gut über die Lebenssituation des Patienten informiert. Denn Bluthochdruck wird häufig durch Stress hervorgerufen. In diesem Fall sprechen Mediziner von einer stressbedingten Hypertonie.

Bluthochdruck als Zufallsbefund.

Auch wenn ich ihn nicht sofort erkannt habe: Ich kenne den gestressten Oberarzt schon aus einem Vortrag. Gemeinsam rekonstruieren wir die damalige Situation und dann erinnere ich mich. Ich versuche, mir meine Verwunderung nicht anmerken zu lassen. Dem humorvollen und damals interessiert fragenden Kollegen sieht man seine Stressbelastung jetzt deutlich an: Augenränder, hängende Schultern und Übergewicht. Er klagt über schlechte Laune, Erschöpfung und Energiemangel. „Von meinem erhöhten Blutdruck habe ich zufällig erfahren, als ich meinem Sohn das Blutdruck-Messgerät erklärt habe. Im ersten Moment dachte ich: 150/100 mmHg – das muss ein Zufall sein. Beim Nachmessen hat sich der erhöhte Wert dann bestätigt.“

Als Mediziner weiß mein Patient, dass Bluthochdruck nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Bei längerem Bestehen einer Hypertonie sind die Auswirkungen auf den Körper massiv. Sie beeinträchtigt das Herz-Kreislauf-System und kann sogar bis zum Herzinfarkt führen.

Was macht die Stressmedizin bei Bluthochdruck?

Im Falle des zweifachen Familienvaters hat mir der behandelnde Kardiologe bereits alle körperlichen Untersuchungen abgenommen. Und mögliche andere Ursachen für den zu hohen Blutdruck (zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion) ausgeschlossen. Ich kann mich also ganz auf die stressmedizinische Diagnostik konzentrieren. Hierbei betrachten wir die Auswirkungen von Stress und Arbeitsbelastung auf den Blutdruck im Detail.

Beim ersten Gespräch gibt mein Patient eine Speichelprobe zur Messung seiner Stresshormone ab. Daraufhin unterhalten wir uns über seine Arbeitsbelastung und die damit verbundenen Konsequenzen für sein Privatleben. „Ich bin total glücklich, Karriere im Krankenhaus zu machen. Aber dass mir mein Einsatz kaum gedankt wird und ich meine Kinder vornehmlich schlafend erlebe, ist frustrierend.“

Ich messe seine Herzratenvariabilität. Dadurch kann ich seine Erholungsfähigkeit einschätzen. Seine Werte sind auffällig. Er bestätigt mir, dass er Schwierigkeiten hat, von alleine runterzukommen. Aus meiner Krankenhauszeit weiß ich, dass das bei einem Arbeitstag, der häufig länger als zwölf Stunden dauert, nicht verwunderlich ist.

Bei unserem zweiten Treffen ordnen wir meinen Patienten psychologisch ein. Schnell können wir ausschließen, dass er unter einer akuten psychischen Erkrankung wie einer Depression leidet. Fakt ist aber: Er leidet unter seinem Stress.

„Es fühlt sich an, als könnte ich dem ganzen Themenwirrwarr nicht alleine Herr werden. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels und bin einfach nur gestresst. Manchmal würde ich am liebsten meine Familie packen und in Namibia als Tropenmediziner anheuern.“ Eine Auszeit zu nehmen, ist natürlich keine schlechte Idee. Aber eine solche Entscheidung trifft man natürlich nicht beim Looping im Hamsterrad.

Ein Mann nimmt sich eine Auszeit dem Boot, weil er an Bluthochdruck durch Stress leidet

Wie kann ich aktiv etwas verändern, um Bluthochdruck durch Stress entgegenzuwirken?

Eine Flucht in den westafrikanischen Dschungel halte ich für die exakt falsche Marschroute. Ich frage ihn, was er tun kann, um aus seinem Hamsterrad auszusteigen. „Das verstehe ich nicht, der Stress wird von außen an mich herangetragen. Ich trage daran so gut wie keine Schuld. Die Kolleginnen und Kollegen sind einfach nicht bereit, über den Tellerrand zu schauen. Jeder kocht – ohne Rücksicht auf Verluste – sein eigenes Süppchen und ich muss alles Organisatorische alleine regeln. Dazu kommen: mein Forschungsprojekt, der mangelhafte Schlaf bei meinen Hintergrunddiensten, der mir selbst auferlegte Leistungsdruck und meine neue Führungsverantwortung. Das Thema Mitarbeiterführung wird uns Ärzten ja nicht wirklich nähergebracht.“

Dem Kollegen fällt es schwer, Verantwortung für seine Lebenssituation zu übernehmen. Er neigt dazu, andere für seine Probleme verantwortlich zu machen. Damit ist er nicht alleine. Die meisten von uns kennen sicherlich das kurzfristig entlastende Gefühl, sich zum Beispiel im Straßenverkehr durch Meckern Luft zu verschaffen oder den Kopf über den Nachbarn zu schütteln. Auf Dauer ist ein solches Verhalten jedoch problematisch, da es Unzufriedenheit schürt. Wir begeben uns in eine negative Abhängigkeit von anderen Menschen oder widrigen Umständen.

Experten-Tipp:

Dr. med. Matthias Weniger
Dr. med. Matthias Weniger, Vorstand des Instituts für Stressmedizin Rhein Ruhr (ISM)

Experten-Tipp:

„Für meinen Patienten gilt das gleiche wie für dich und auch für mich: Um glücklich und zufrieden zu sein, müssen wir unsere Lebensumstände aktiv gestalten. Wir müssen füreinander einstehen und lernen, Ungereimtheiten und Streitereien nicht zu nah an uns herankommen zu lassen.“

Stressoren in den Blick nehmen.

Für meinen Patienten ist es an der Zeit, das Zepter seines Handelns wieder in die Hand zu nehmen. Gemeinsam entscheiden wir, über seine Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) zu sprechen. Wir legen den Fokus auf die Rückkehr zu mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Und einigen uns auf eine Kombination aus entlastenden Entspannungsverfahren und analytischem Vorgehen. Um seine Stressoren zu analysieren, stelle ich ihm diese Fragen:

  • Was stresst dich konkret?
  • Was sind die größten Stressoren?
  • Was kann ich am Sachverhalt ändern und was nicht?
  • Was liegt in meinem persönlichen Einflussbereich?
  • Was kann ich direkt ändern?
  • Wie könnte ich mich zukünftig anders verhalten?

Seine Stressoren in den Blick zu nehmen und zu strukturieren, verschafft dem jungen Oberarzt sichtbare Erleichterung. Nach einer anschließenden Meditation scheint es mir, als würde ich mich wieder besser an den Kollegen aus dem Vortrag von damals erinnern. Er erkennt seine Rollenprofile überraschend schnell und entwickelt erste Lösungsansätze. „So richtig schlau ist das tatsächlich nicht, alle anderen für blöd zu halten und sich selbst als Opfer zu sehen. Ich werde künftig genau analysieren, an welchen Dingen ich etwas ändern kann und lasse die Finger von Sachen, auf die ich keinen Einfluss habe. Meinen Anspruch, empathisch mit anderen umzugehen, behalte ich bei. Aber ich muss meine Leute nicht in Watte packen und zu allem ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagen. Klar will ich auch in Zukunft etwas bewegen, aber nicht auf Kosten meiner Familie.“

Junge Eltern leiden an Bluthochdruck durch Stress

Wie wirkt Stressmedizin bei Bluthochdruck?

Bei unserem dritten Treffen wirkt der junge Kollege weniger euphorisch. „Ich bin nicht mehr Opfer meiner Umstände, aber es bleibt in Summe viel. Zwei Kinder, Karriereleiter und jetzt auch noch das aktive Hinterfragen meiner Art und Weise zu denken und zu handeln. Das fordert sehr.“ Über Jahre erlernte Verhaltens- und Denkmuster lassen sich nicht binnen weniger Wochen so verändern, dass mit einem Mal alle Probleme gelöst sind.

Aber: Er scheint mehr in seiner Mitte zu sein. Themen, die ihn belasten, kreidet er nicht mehr einfach seinem Umfeld an. „Ich habe den Eindruck, dass die Veränderung meiner Wahrnehmung und meines Handelns bereits erste Früchte tragen. Insbesondere auf der Arbeit kümmere ich mich deutlich weniger um unbedeutende Dinge. Entgegen meiner Annahme schätzen die Kollegen das sehr.“

Gemeinsam meditieren wir erneut für zehn Minuten. „Ich merke, dass mir das sehr guttut und ich mir dafür in meinem Alltag noch zu wenig Zeit nehme. Das will ich ändern.“ Sein stressbedingter Bluthochdruck hat sich inzwischen verbessert. In Absprache mit seinem Kardiologen reduzieren wir seine Medikation um die Hälfte. Ich empfehle ihm, ein Stresstagebuch zu führen, um Momente und Situationen festzuhalten, die ihm besser als früher gelingen.

Tipps bei dauerhaft hohem Stress?

  • Überwältigende Gefühle oder schwierige Situationen aufzuschreiben, kann entlastend sein. Halt außerdem fest, was dir gut gelingt und was du anders machen möchtest als bisher. Dann kannst du später darauf zurückgreifen. Kleiner Tipp: Schreib in der dritten Person (‚er‘ oder ‚sie‘) über dich. Manchmal ist das einfacher, als in der Ich-Perspektive zu schreiben.
  • Werd aktiv und verschaff dir einen Überblick über dein Stresslevel (Was stresst mich? Was kann ich ändern? Wie will ich mich künftig verhalten?). Versuch den Blick weg vom Problem hin zu Lösungsansätzen zu richten. Manchmal hilft es schon, Situationen zu akzeptieren, die nicht veränderbar sind.
  • Entspannungsverfahren, wie Yoga, Tai-Chi, autogenes Training und auch die klassische Meditation sind der Resilienz-Booster. Sie helfen uns dabei, unmittelbar auf „die Bremse zu treten“. Probier aus, welches Verfahren dir Spaß und Freude bereitet und bleib mindestens für fünf Einheiten am Ball.
  • Medikamente können helfen. Schau trotzdem über den Tellerrand und sprich offen mit deinem Arzt. Bei vielen Erkrankungen kannst du durch Bewegung, Ernährung oder Entspannungsverfahren zusätzliche Erfolge erzielen – so auch bei einem erhöhten Blutdruck durch Stress. Insbesondere Präventivmediziner und Ärzte mit der Zusatzqualifikation Stressmedizin können dir helfen, neue Perspektiven zu entdecken.

Selbstbestimmtes Verhalten ist ein wichtiger Teil der Resilienz. Mach jetzt unseren Resilienz-Test und find raus, ob du beim Thema „Selbstbestimmung“ eher der reaktive oder der proaktive Typ bist. Und, wie es um deine psychische Widerstandsfähigkeit steht.

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